Das, wovor ich davonlaufe, will ich doch eigentlich am meisten
Bleib klein, bleib sicher, dann kann dir nichts passieren...
Es gibt diesen bestimmten Moment, den du vielleicht auch kennst, in dem du kurz davor bist, dich auf etwas zuzubewegen, das du dir wirklich wünschst, etwas, das größer ist als du, etwas, das wichtig ist, und genau in diesem Moment, kurz bevor du den Schritt machst, meldet sich diese leise, alte Angst, die dir sagt, tu es lieber nicht, es ist zu viel, vielleicht bist du dafür einfach nicht gemacht.
Ich habe diese Angst mein halbes Leben lang als Stoppschild gelesen, ich habe ihr geglaubt, jedes einzelne Mal, und wenn sich etwas zu groß anfühlte oder zu sichtbar oder einfach nach zu viel, dann habe ich das als eine Art Weisheit verstanden, als eine Information, die mich beschützen will, und ich bin richtig gut darin geworden, auf sie zu hören, was, wenn ich ganz ehrlich bin, nur eine schönere Art ist zu sagen, dass ich richtig gut darin geworden bin, mich klein zu halten.
Und dann habe ich vor Kurzem etwas gehört, das seitdem ganz leise Dinge in mir umsortiert, und ich möchte hier darüber schreiben, weil ich das Gefühl habe, dass ich damit nicht allein bin, dass wir vielleicht alle unsere eigene Angst ein bisschen falsch herum lesen. Der Gedanke geht so, und er ist so einfach, dass er fast weh tut: Die Dinge, die wir uns am allermeisten wünschen, fühlen sich meistens am unmöglichsten an, und wir deuten genau das falsch. Wir halten das Unbehagen für einen Beweis, dass wir nicht dafür gemacht sind, dass es nicht für uns bestimmt ist, dass wir uns übernehmen. Dabei ist es genau andersherum:
Denn das, was du dir am meisten wünschst, ist fast immer etwas, das für dich irgendwann einmal nicht sicher war.
Gesehen zu werden. Raum einzunehmen. Vor anderen Menschen Fehler zu machen, sichtbar zu scheitern und trotzdem geliebt zu werden. Irgendwann in deinem Leben kamen diese Dinge mit einem Preis, mit einer Verletzung, mit einem Moment, in dem es dir wehgetan hat, dich zu zeigen, und dein Nervensystem, das nichts anderes will als dich zu beschützen, das dich auf die einzige Art liebt, die es kennt, hat daraus eine ganz einfache Regel gemacht: Bleib klein, bleib sicher, dann kann dir nichts passieren.
Und deshalb ist es so, dass genau dann, wenn du dich Jahre später endlich auf das zubewegst, was du wirklich willst, dieses alte, treue System das Steuer herumreißt, und plötzlich wirst du unruhig, plötzlich machst du dicht, plötzlich fängst du an, genau das zu sabotieren, was du dir doch so sehr wünschst, du findest jeden vernünftig klingenden Grund, warum jetzt nicht der richtige Zeitpunkt ist, warum du noch warten solltest, warum es bei dir eben anders ist. Und was ich gerade wieder lerne (nachdem das Mama-werden mich einmal durchgeschleudert hat) langsam, Stück für Stück, ist, dass das keine Selbstsabotage ist. Dass das keine Schwäche ist und kein Beweis, dass du falsch liegst. Es ist dein Körper, der genau das tut, wofür er gebaut wurde, der dich vor einer Gefahr beschützen will, die es längst nicht mehr gibt.
Der Widerstand, den du spürst, ist also kein Zeichen, dass du auf dem falschen Weg bist. Er ist der Beweis, dass du dich auf etwas zubewegst, das dein Körper einfach noch nie als sicher kennengelernt hat, und das ist ein so anderer, so viel sanfterer Gedanke, dass ich beim ersten Mal, als ich ihn wirklich verstanden habe, kurz still werden musste.
Und dann ist da noch dieser eine Satz, zu dem ich seitdem immer wieder zurückkehre, der Satz, der eigentlich alles verändert: Das, was du dir am allermeisten wünschst, und das, was du am meisten heilen musst, sind fast immer dasselbe. Die Beziehung, die du dir ersehnst. Die Sichtbarkeit, vor der du gleichzeitig davonläufst. Die Verbindung, nach der sich dein ganzes Herz streckt. Deine Sehnsucht ist nicht dein Feind und nicht dein Problem, deine Sehnsucht ist der Faden, der dich sanft und unaufhörlich genau zu der Heilung zieht, die du dir sonst dein ganzes Leben lang ersparen würdest.
Also habe ich angefangen, etwas Kleines zu tun, das sich für mich fast radikal anfühlt, weil es allem widerspricht, was ich mir jahrelang beigebracht habe. Wenn mir jetzt etwas so viel Angst macht, diese ganz bestimmte Sorte Angst, bei der ich am liebsten einfach verschwinden würde, dann versuche ich, nur für einen Atemzug, sie nicht mehr als Urteil zu hören, sondern als Information. Nicht mehr das ist zu viel für mich, sondern oh, genau da soll ich hin, genau das ist gerade meine Aufgabe.
Und ich will dir nichts vormachen, ich will nicht so tun, als würde das die Angst auflösen, denn das tut es nicht, sie sitzt immer noch da, manchmal ganz nah, manchmal mit zitternden Händen. Aber es verändert, was sie bedeutet. Sie ist keine Wand mehr, die mich aufhält, sie ist ein Wegweiser geworden, und an einem Wegweiser kannst du vorbeigehen, auch wenn dein Herz rast, auch wenn du dir nicht sicher bist, auch wenn du Angst hast.
Also, wenn da gerade etwas ist, um das du seit Langem kreist, etwas, das dir jedes Mal ein bisschen mehr Angst macht, je näher du ihm kommst, dann glaube ich nicht, dass das ein Zeichen ist, dass du aufhören sollst. Ich glaube, es ist vielleicht die ehrlichste Landkarte, die du hast, und ich glaube, es ist meistens ein Zeichen, dass du in die richtige Richtung gehst, dass du dich zubewegst auf die Frau, die du gerade wirst, und dass du, ganz leise und ohne es zu merken, gerade heilst.
Xx, Valerie

